Die Vergangenheit

 Ich kenne sie nicht. Eine alte Frau, sie wohnt hier. Sie ist ungefähr sechzig, sie ist alt genug. Sie heisst Lilian oder Sophie. Sie kommt aus gut bürgerlichem Haus, 1915 bis 1920. Sie ist gut versorgt mit Familie, aus guter Familie. Das hätte ich auch gesagt. Das sieht man an der Kleidung, sie ist vermutlich Modistin. Die Blumen auf dem Hut, drückt Naturverbundenheit aus. Wie nennt man dieses Halsband schon wieder? Weiss ich nicht aber vor einigen Jahren war das für die Jungen wieder modern. Sie hat sehr wahrscheinlich einen Lederhandschuh. Die vornehmen Damen haben gestrickte Handschuhe getragen, soviel ich weiss. Den Augen nach ist sie traurig, sie muss ausziehen, aus der Wohnung. Sie nimmt Abschied vom allgemeinen äusserlichen Leben, eine totale Veränderung. Ihr Blick drückt Ungewissheit aus. Sie geht in ein Altersheim mit einem bestimmten Namen. Genau, sie geht in Bauten für Frauen und alte Leute. Wenn wir annehmen, dass sie 1920 lebte, gab es da schon Altersheime? Oder blieben die Menschen bei ihrer Familie? Die Ungewissheit beruht auf der Tatsache, dass jemand der in so ein Heim geht, ein total verändertes Leben führt. Bekanntschaft, Verwandtschaft, Familie und Kinder sind alles wichtige Faktoren. Altersheime sind aber keine Gefängnisse. Je nachdem, welche Kontakte man zur Familie hat, ist mehr möglich. Man kann das Leben zum Teil selber ein bisschen steuern. Wir wissen nicht welches Leben die Frau vorher führte. Ich finde nicht, dass sie so traurig aussieht. Sie hat ein Lächeln in den Augen. Sie freut sich auf etwas. Vielleicht nimmt sie Ihre Familie gut auf. Der vorstehende StoA dort, ist das ein Regenschirm? Einen Regenschirm hat sie jedenfalls. Das heisst sie ist nur als Gast hier? Was ist das für ein Mobiliar, rechts von ihr gesehen? Ein Kissen!? Es sieht aus wie ein Sofa. Wenn man genau schaut, sieht man die kurzen Beine, also kein Bett zum Schlafen. Was mir fehlt…dass der Maler nur ein halbes Bild gemalt hat. Man kann nicht entscheiden, ist es ihr Zimmer, ihre Stube,…es ist versteckt. An das Einzige, was ich denken kann, ist an ein Begräbnis, mit den vielen Blumen, eine Beerdigung. Schwierig… Ich finde immer noch sie sieht nicht traurig aus, sie freut sich irgendwo hinzugehen, irgendwo aufgenommen zu werden. Für mich sind noch so viele Fragen oAen, so dass, ich keine Überschrift sehen kann. Vieles ist unklar. Das, was wir gesagt haben; ist das wirklich so oder ist es das Gegenteil? Ging man damals mit Blumenhut an eine Beerdigung? Damals hatten die Leute weniger Blumen und bunte Kleider, eher schwarz. Man war zu ihrer Zeit vielleicht oAener mit Beerdigungen und solchen Sachen-mit traurigen Nachrichten. Das Bild würde ich nicht aufhängen, es sagt mir nichts. Wenn es von meiner Grossmutter wäre, vielleicht. Es hat so viele Fragezeichen. Also von ihr bekommen wir weder KaAee noch Kuchen!